Geschichte des Yin Yoga

Der ewige Kreislauf: vom Yin zum Yang zum Yin …

Die Geschichte des Yin Yoga – Lieben wir nicht Alle Erzählungen, weil sie uns auf den Pfad zum eigentlichen Ursprung führen? Hinter der Frage „Wer hat Yin Yoga erfunden?“ steckt der Wunsch, zu den Wurzeln des Yin vorzudringen, seine Essenz zu verstehen. Was hat Leute dazu bewogen, diesen speziellen Pfad zu folgen und ihn für alle die nachkommen, klar begehbar zu machen?

Wie bei den meisten Themen, die die Menschheit wortwörtlich kollektiv bewegt, ist die Entwicklung transpersonal und nicht linear. Verfolgen wir also die Schritte in der Zeit …

Geschichte des Yin Yoga Teil 1: Die alten Schriften: die Veden, Hatha Yoga Pradipika, & Gheranda Samhita

Das älteste Buch des Yoga, die „Veden“ (Veda) erwähnen keine Yoga Haltungen (Asana). Der Begriff „Yoga“ konnte am ehesten noch mit „Disziplin“ übersetzt werden und das Wort, dass „Asana“ am nächsten kam, war „asundi“ – ein Block, auf dem man saß, um zu meditieren. In späteren Zusammenfassungen wurde Yoga mehr und mehr als Disziplin verstanden, die das menschliche Wesen zur Befreiung führen kann – auch hier machten die eigentlichen Körperübungen oder Haltungen einen verschwindend kleinen Teil der gesamten Literatur aus. Das Wichtigste, dass über Asana geschrieben wurde, war, dass sie „sthira“ und „sukham“ sein solltenstabil und „mit einem Wohlgefühl verbunden.

Geschichte des Yin Yoga - Veden
Rigveda in Sanskrit, Handschrift aus dem 19. Jahrhundert

Eigentlich logisch: wenn wir in uns ruhen und in einem wachsamen und dennoch entspannten Wesen uns begegnen wollen, kann Meditation stattfinden.

Die Hatha Yoga Pradipika (Hathapradipika) ist, nach den Yogasutras des Patanjalis, die wohl bekannteste klassische Yogaschrift. Sie wurde im 14.Jhd. von Svatmarama geschrieben und benennt diverse Techniken des Haha Yoga: die Reinigungen des physischen und subtilen Körpers, sowie deren Auswirkungen. Verglichen mit den heutigen detaillierten Beschreibungen der vielfältigen Asanas erwähnt die Hathapradipika nur 15 Yoga Haltungen und der Hauptaugenmerk liegt auf Pranayama (Lenken der Atem- und Lebenskraft) und Mudras (Fingerhaltungen, die den feinstofflichen Energiefluss und damit das mentale, emotionale und physische Sein beeinflussen). 11 dieser 15 Asanas sind „Yin Yoga“ Haltungen – sie werden über längere Zeit sitzend am Boden ausgeführt.

Die Gheranda Samhita (Gherandasamhita) stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und beschreibt nun schon recht ausführlich diverse Yogapraktiken. Die Schrift ist als Gespräch zwischen dem Lehrer Gheranda und seinem Schüler Chanda Kapali konzipiert – Bernie Clark spricht darüber, dass in dieser heiligen Schrift nun schon 32 Haltungen erwähnt werden, von denen ungefähr ein Drittel mehr „Yin“ sind, die anderen „Yang“. Ein deutlicher Trend ist erkennbar: Meditation kommt in Bewegung: Yang Yoga wurde geboren! Ein starker „Diamant“ Körper wird als Vorraussetzung erkannt, um in Ruhe zu sein. Die dynamische Yang Yoga Übungsfolgen dienen als Vehikel um den Körper zu öffnen – damit er in Ruhe verharren kann.

Gherandasamhita
Beziehung des Guru zum Schüler

Geschichte des Yin Yoga Teil 2: Die Lehrer der gegenwärtigen Epoche: Paul Grilley, Denise Kaufman, Sarah Powers, Paulie Zink, Bernie Clark

PAUL GRILLEY begann seine persönliche Yogapraxis im Jahre 1979, nachdem er Paramahansa Yogananada´s „Autobiographie eines Yogi“ gelesen hatte. 1982 übersiedelte er nach Los Angeles, wo er Yoga studierte und unterrichtete. Paul´s erster Kontakt mit „Yin“ Posen, die still für lange Zeiten gehalten wurden, begann im Jahre 1989 mit der Teilnahme an „Taoist Yoga Classes“ bei Paulie Zink. Obwohl der Daoismus keine eigene Yogaform beinhaltet, wurde der Begriff „Taoist Yoga“ von einigen Lehrern verwendet: Neben Paulie Zink benutzte ihn u.a. Mantak Chia als Dachbegriff für die Energiearbeit, die er seit den 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts weitergab.

Paul fand Paulie´s Arbeit hoch interessant – was ihn aber zutiefst bewegte, war das lange, stille Halten der Posen: schon bald war die Idee geboren, eigene „Yin“ Klassen – die auschliesslich auf diesem Prinzip beruhten – Schülern anzubieten. Diese Klassen waren herausfordernd: Yin Yoga brachte (und bringt!) Yogi(ni)s genauso an Ihre Grenzen, wie es alle anderen Yang Formen des Yoga tun. In seiner Arbeit mit Yoga stellte Paul bald fest, daß all seine SchülerInnen in der persönlichen Yogapraxis immer eine wichtige Frage begleitete: „Warum bewegt sich mein Körper nicht so, wie ich es will? Ich übe doch regelmässig?“ Neben seinen ausführlichen Studien mit Dr. Motoyama in Japan, begann er Anatomie von Dr. Garry Parker zu lernen und später an der UCLA Anatomie und Kinesiologie zu studieren. Seine Frau Suzee Grilley und die gemeinsame Freundin und Kollegin Denise Kaufman begleiteten ihn auf seiner Entdeckungsreise durch die strukturellen Varianten des menschlichen Skelettes – und für die Bedeutung die diese für den individuellen Bewegungsradius einer Person haben.

Dies macht Paul´s Arbeit auch so bahnbrechend für die Yogawelt: Welche Übungen wir sicher ausführen können, hängt von dem individuellen Bewegungsspielraum ab, den uns unsere Knochenstrukturen erlauben. Jede/r ist ANDERS. Somit ist JEDE Yogapose individuell  – Für den/die SchülerIn bedeutet dies, im eigenen Körper den Unterschied zwischen myofaszialen (muskulären/faszialen) Spannung und Kompression der Knochenstrukturen erspüren zu lernen, um wahrhaft an der eigenen Praxis zu wachsen.

Eine von Paul´s Schülerinnen, Sarah Powers, übernahm die Lehren von Paul Grilley und ergänzte sie durch Komponenten der Buddhistischen Psychologie. Ihr Buch Insight Yoga widmet sich einer Yin Yoga Praxis die darauf abzielt, den Fluss des Qi (Chi) innerhalb des Meridiansystems zu stimulieren und Organsysteme, so wie sie auch in der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin) verstanden werden, auszubalancieren und zu stärken.

Bernie Clark hat mit seiner Webseite yinyoga.com eines der wichtigsten Online-Nachschlagewerke des Yin Yoga geschaffen. Sein Buch: „The Complete Guide to Yin Yoga“ ist in seinem gesamten Umfang äusserst empfehlenswert!